Der “Zebra”-Ski-Erfinder und Kreateur des legendären “Boccaccio”, einem frühen Vorläufer des Münchner Hipp-Viertels Glockenbach, wo sich feine Herrnen mit schönen Damen trafen, hat nach vierzig Jahren seinen Zeichenstift zur Seite gelegt.
MÜNCHEN - Wenn Deutschlands größtem Werbe-Designer und Sport-Vordenker Heinz
Schwaiger heute früh die Rohrpost, die er vom Zaun seines Gartens bis
zu seinem 60 Meter entfernten Münchner Schlafzimmer installiert hat,
die neueste AZ ins Bett schießt, wird er auf Seite 20 lesen, dass es
nur um ihn geht und dass er geht.
Das Finale-Geheimnis hat mir der ziemlich junggebliebene
Herausgeber des Edel-Magazins „Sportive“ auf der sonnigen Terrasse
des Restaurants „Salt“ anvertraut. In den wasserblauen Augen von
Schwaiger, jahrzehntelang Münchens Frauenschwarm, dem sogar die
Prinz-Johannes-von Thurn-und Taxis“-Freundin Baronin Renate von
Holzschuher ihr williges Ohr lieh, sprüht noch immer das Feuer und
sein blonder Zwirbelschnurrbart ragt unverändert in die
Weltgeschichte. Der Erfinder des weltberühmten „Zebra“-Skis von
Völkl, des ersten Energie-Getränks, das er an „Wander, Bern“,
verkaufte, lange bevor „Red Bull“ zu sprudeln begann und jeder Menge
Kraftstoff-Produkte, die bei Boris Becker oder Arnold Schwarzenegger
die Körper-Kultur steigerten, mag nicht mehr. Colani-Kollge
Schwaiger, ein Meister für geflügelte Werbesprüche wie „Auf die
Plätze, fertig – Puma“, zieht nach 40 Jahren als Kreativ-Kanone
seinen Schlussstrich. Politiker wie Walter Scheel und Josef Ertl
schätzten ihn und bereits ein früher Uli Hoeneß zählte zu seinen
Fans. Schwaiger hatte auch einst das legendäre “Boccaccio” von Rudi Gaugg in der Klenzestrasse eingerichtet, dem berühmten Pick-Up, wo sich feinste Gentlemen mit schönen Damen zum erquicklichen Stelldichein trafen.
Der lächelnde Sport-Fuchs Heinz Schwaiger ist sauer, weil seine jungen, kreativ von
ihm herangezogenen Mitarbeiter nach zehn Jahren einen Scherbenhaufen
seines „Sportive“-Werbekonzern hinterlassen haben. Er hatte sie in
das in Millionenhöhe gewinnträchtige Unternehmen eingebunden und
selbst strampeln lassen. Mit 48 Prozent waren die „Sportive“-Babys
dabei. „Das war vielleicht ein Fehler., ihnen das Feld zu überlassen.
Ich bin am Generationswechsel gescheitert. Aber hinterher ist man
meist klüger“, sinniert Schwaiger, dessen Fach-Illustrierte „Sportive“
30 Jahre besteht und rührt in seinem schon kalt gewordenen
Cappuccino.
In Trauben standen die Menschen vor den Schaufenstern von Sport
Scheck in der Sendlinger Strasse, wo Heinz als
Chefdekorateur mit 23 Jahren seine Karriere begann und Logos für
Weltmeisterschaften erfand. Die Gestaltung der Schaufenster war
insofern ungewöhnlich, weil sie wie Bühnenbilder der „Kammerspiele“
wirkten und aussagekräftig wie noch nie die aktuellen Sport-Trends
wiederspiegelten. Mal baute Schwaiger einen ganzen Wald auf, mal eine
Autowerkstatt , mal einen Odelwagen voller frischer Krokusse, und
fuhr in ganz Bayern herum, um Originalteile für seine
Verkaufskulissen zu finden. Er machte so viel Furore, dass er sogar
eines Tages auf der „Französischen Woche“ als bester Designer gekürt
wurde und man ihm bei der Gala im „Stadtmuseum“ als Anerkennung einen
nagelneuen Simca schenkte. Den Wagen wollte ihm beinahe Sporthaus-Chef
Otto Scheck abspenstig machen, weil die über die Grenzen hinaus
bekannt gewordene Schaufenster-Kunst doch in seinem Haus stattgefunden
hat.
1970 hatte sich der bescheidene Rebell selbstständig gemacht. Fünf
Jahre später baute er sich in Martinsried ein 4000 Quadratmeter großes
Unternehmensgebäude mit den regenbogenfarbenen „Sportive“-Wellen auf
der Fassade. Im vierten Stock existiert ein voll funktionsfähiges
Agentur-Büro mit Foto-Studio und Lastenaufzug, das komplett gemietet
werden kann. Sport-Funktionär Willi Daume, dem die DDR-Athleten ein
Dorn im Auge waren, gab Schwaiger den Anstoss für die erste
Ergänzungsnahrung aller Zeiten, wie der Sport- Kraftstoff behördlich
bezeichnet wurde, den Heinz zusammen mit einem Wissenschaftler-Team
herausbrachte. „ Vitamine und Mineralien, die allein zur richtigen
Zeit in die richtigen Muskel gelangen. Kein Doping“, sagt er, der in
seinen frühen Designer-Jahren mit der AZ so manche Kampagne
erfolgreich durchgezogen hat, wie die Suche nach dem „Schwabinchen“,
einer beliebten Comic-Figur der Abendzeitung. Als erstes AZ-Barbie
wurde die Münchner Schauspielerin Helga Lehner gekürt, heutige Frau
des Rotwein-Spezialisten Hardy Rodenstock.
Zum Schluss unserer etwas nachdenklichen Unterhaltung meint Heinz
Schwaiger:“ Ich habe Menschen vertraut, die es nicht verdient haben
und deshalb sehe ich mich gezwungen, meine schöne Villa, die schönste
im Südwesten von München, mit einem 7000 Quadratmeter großen Park zu
verkaufen.“





Mit Interesse habe ich diesen Artikel gelesen, weil er zumindest das Bocaccio erwähnte. Ich habe in North Carolina das Ehepaar Batschild getroffen, das für Rudi Gaugg gearbeitet hat. Womöglich auch im Bocaccio und dann in der Schiffsglocke in Pöcking. Vielleicht wissen Sie ja mehr darüber. Das war doch die Hoch-Zeit des Graeter-Klatsches in der Abendzeitung. Damals war ich auch kurz bei der AZ, abgesandt von der Augsburger Allgemeinen, um mich mit Layout vertraut zu machen, ehe ich die dritte Seite übernehmen durfe.