Für 16 Tage heißt es wieder BIER ROYAL. 6.5 Millionen Menschen aus aller Welt und ein paar Münchner amüsieren sich auf der Theresienwiese, die gar keine ist.
MÜNCHEN - Das Münchner Oktoberfest 2009, das sich angesichts des Trachten-Meeres zum größten Kostümball der Welt gemausert hat, läuft auf vollen Touren. Auf der Theresien-Wiese hieß es zum 176.Mal hieß: O’Zapft is. Zum Bier Royal für über zwei Wochen, wo sich rund 6.5 Millionen Gäste aus aller Welt und ein paar Münchner treffen, hat sich eine 4-Klassengesellschaft herauskristallisiert , die unterhalb der Bavaria für 16 Tage die Sau raus läßt. Eine bierseelige Maß-name des höchsten Lebensgefühls.
DER MÜNCHNER
Der echte Münchner lebt unter Artenschutz und tarnt sich, in dem er sich nicht für die Wiesn verkleidet. Er mag den Trubel, das überzüchtete VIP-Gehabe und das Gedränge nicht und schaut höchstens ein bis zweimal vorbei. Mit gemütlich Hinausgehen und ein paar Maß trinken ist schon lange nicht mehr.. Den größten Kostümball der Welt überlässt der Einheimische lieber den Gästen aus aller Welt. Mit Freude registriert er, wie ein Preuße weinen kann, wenn man ihm den Trachtenanzug wegnimmt. Mittags wird in der Ochsenbraterei gegessen, abends im Augustiner, im Schützenzelt, Hacker, Hofbräu oder bei Käfer. Die Wiesn-Soiree, die um 18 Uhr beginnt, wird mit durchschnittlich fünf Maß bewältigt. Die Hendl werden bei Ammer, die Ente bei Käfer, und der Steckerlfisch bei der Fischer-Vroni gekauft. Hirmers, von Fincks, Schecks und Quandts sind dezent unterwegs. Auffällige Groß-Präsenz leistet sich nur der neue Poet und „Arriflex“-Erbe Bob Arnold, der jeden Tag im Schützenzelt Dienst schiebt, um zu zeigen, dass es ihn noch gibt. Manchmal lässt er auch fein geschnittene Radi-Scheiben durchs Zelt fliegen. Gleich neben Arnold Showtime-Tisch stemmten Fußball-Experte Günter Netzer und seine attraktive Frau Elvira und Tochter die erste Maß und zeigten Formel- 1-Pilot Keke Rossberg wie man den gläsernen Bierkrug richtig hält. Discounter-Erbin Karin Holler blickte strahlend in die Runde. An ihrer Seite ihr neuer Herzbube, der Nürnberger Rüstungs-Industrielle Peter Diehl Bei Käfer , wo sich im Gewühl „Totenkopf“-Dirndl mit Lodengrün abwechselten, saßen in der Belletage der Berliner Großhotelier Ekkehard Streletzki mit Frau Sigrid (1100-Zimmer-Hotel „Estrel“) und „Esprit“-Großaktionär Jürgen Friedrichs am Tisch von Häuser-Baron Walter Hammele und seiner Frau Andrea, die ihre hochdeutschsprechenden Gäste mit Münchner Feinheiten, darunter Radibrett mit deftiger Hausmannskost, Haxn und Schnitzel, verwöhnten. Ein geheimer Kreis, der das weißblaue Brauchtum pflegt, trifft sich am Dienstag im „Augustiner“ zum anregenden Stierbeutel-Essen. OB Christina Ude hält mit Leidenschaft , schon am ersten Wiesnsonntag, in der „Bräurosl“ Hof, um den traditionellen Glockenbach-Abend warmherzig einzuläuten.. Der Münchner kommt gern von hinten, wenn er in ein
Bierzelt will. Er umgeht die überfüllte Wirtsbudenstraße und kennt die rückwärts gelegenen Spezialeingänge.
DER ZUAGROASTE
Der flächendeckende Dresscode für das Oktoberfest begann vor sechs Jahren: Vorher war die Tracht auf dem Oktoberfest nur vereinzelt gefragt und meist Chiemgauern überlassen. Sich für die Wiesn eigens umzuziehen ist relativ neu und tourisitsch ein Renner. Italiener, Afrikaner, Chinesen und norddeutsche Besucher sind ganz heiß auf Lederhose und Dirndl und sehen darin zuweilen sehr ulkig damit aus. Der FC-Bayern lässt seine Truppe, in der es fast keine Münchner mehr gibt, traditonsbewußt in halblangen Lederhosen ins Bierzelt stürmen. Der italienische Star-Kicker (bitte keine Reime) Luca Toni zeigt in diesem Outfit ganz stolz seine nackten langen Beine. In diesem Jahr wurde München von einem regelrechten Dirndl-Tsunami überschwemmt. An jeder Ecke im Stadtkern und in den einschlägigen Geschäften wie Lodenfrei und Angermeier hängen traubenweise wie beim Luftballon-Verkäufer die rustikalen Heidi-Alm-Kluften. Weil: Das Dirndl lockt als raffiniertestes Kleidungsstück der Damengarderobe. Es gaukelt unschuldiges Heimatwesen vor und zeigt dabei größten Alpenblick. Meist ist der Landhausstil so neu, dass gelegentlich auch noch das Preisschild raus blitzt. Lederhosen, in der knielangen Version, speckig und, zum Teil hundert Jahre alt, wie es sie in der Nähe des Restaurants Sedlmayr gibt, haben die Bundhose und die lange Lederhose verdrängt. Der metrosexuelle Wiesngänger will gepflegt gewaxte Beine zur Schau stellen, um Kahlschlag des ganzen Körpers zu signalisieren. Kojak total.
DIE DEUTSCHE NEBENGESELLSCHAFT
Die sogenannte Z-Plus-Prominenz versucht sich im „Hippodrom“ wichtig zu machen. Dort laufen die winzigsten Lederhotpants Parade. Die Maxi-G-Strings sind in diesem Jahr so raffiniert geschneidert, dass sie gerade noch die wichtigsten Schnittpunkte mit einem Hauch von Leder zukeuschen. Die mit Lurex und Latex getunten Lola Paltiner-Kleider im Landhaus-Stil feiern dort ihre Urständ. In dem Zelt des neuen Geldes agieren wegen der leichten Beute die meisten Fotografen und verdienen sich mit Objekten der Nichtbegierde ihr tägliches Brot: Wiesnzeit ist auch dort Erntezeit. Obwohl weiß Gott ungefährdet laufen Wichtigtuer mit dem Status-Symbol in Form von Bodyguards ein, sonst würden die No-Names gar nicht auffallen. Was besonders schwer fällt, wenn man unter sich ist. In diesem Streichelzoo des ultimativen Nichts agieren gern eine Münchner Nervensäge, blond, im bayerischen Piratenkleid, weit ist das Meer, die aus Funk und Fernsehen bekannte Spinat-Vorkosterin und die Bohlen-Abgelegte mit blitzendem Klaviergebiss. Aber auch eine Countainer-Blondine aus dem Norden, die durch Kakerlaken-Essen im TV bekannt geworden ist und allen Ernstes behauptet, es würden sie alle Männer lieben. Ich frage: Welche? Wegen seiner Größe geht der Hausherr, der kleine Wirt Sepp Krätz, immer mit stark
durchgedrücktem Kreuz durch sein Zelt und sehnt sich im Trubel vermehrt nach einer Tour aufs Schneefernerhaus.
DER ADEL
Die Wiesn ist für Aristokraten ein bevorzugtes Jagdgebiet. Unter der gusseisernen Bavaria-Statue pendeln Hochadel (Fürstenberg, Bayern, Hohenzollern, Habsburg) und Finanz-Adel (Flick, Finck und Aktien-Gambler Auersperg) zwischen “Schützenzelt” und “Käfer’s Wiesnschänke”. Leicht zu erkennen in Hosen und Jacken aus glücklichen Kindertagen, sehen aus wie frisch aus dem Silberrahmen auf dem Kaminsims entsprungen und in fremd eingetragenen Budapestern auf dem Weg zu einem Geburtstag einer Fürstin Mannie Sayn Wittgenstein. Fehlt nur noch der Labrador mit blauweißer Schleife, aber Hunde sind auf der Wiesn verboten. Der Adel ist natürlich ausgerüstet mit dentsprechenden
Sesam-Öffne-Dich-Kärtchen und weiß die geheimen Go-Ins. Der Nachwuchs zeigt sich im Schützenzelt von Eddie Reinbold und musste sich bei der ”Tiffany’s-Party erst an den neuen Gastgeber gewöhnen. Der frühere Gastgeber ist versilbert worden. Schön wird die Party, wenn blaues Blut langsam Blaues Blut zu spüren beginnt. Alexandra Flick, die besonders entzückend im Dirndl (allerdings von Lanz) aussieht, liebt das Oktoberfest. Im „Schützenzelt“ tanzte sie im letzten Jahr noch ausgelassen, als längst Zapfenstreich war und Bob Arnold wieder neue Verse vor sich hin murmelte und Ruhe gab.





Recht hat… viel zu sehr instrumentalisiert, dieses Oktoberfest. Da würde ich im Leben nicht hingehen. Ein einziges Besäufnis und die Legitimation, der Nachbarin einmal in die Hüfte packen zu dürfen. Das ist einfach primitiv.
[...] Apropos Steckerl – Fisch. Hier ist mal ein netter Bericht vom Oktoberfest auf der Theresienwiese [...]
Mann, Mitte der 70er hatte ich mir extra eine hirschlederne Jacke und passende Kopfbedeckung beim Loden-Frey gekauft um dann wiesenmäßig dabei zu sein. Als geouteter Preiss wurden einem damals ab 22.00 Uhr im Hypodrom sicherheitshalber die Füße an den Steigbügeln fixiert, um nicht runterzufalln…
Gruß vom Motorblöckchenmacher,
Detlef Kupfer