60. Berlinale eröffnet mit dem neuen Streifen des Star-Regisseurs, der nun schon seit über 50 Tagen sitzt. Seit 1970 hat der in Paris lebende Künstler ein Chalet in Gstaad und ist auch dort gemeldet.
ZÜRICH - Das düstere Knast-Dasein hat Roman Polanski gut verarbeiten können.
Der Star-Regisseur konnte, was streng geheim blieb, im Gefängnis
seinen neuen Thriller „Ghostwriter“ fertig stellen. So war er
abgelenkt und konnte sich auf sein noch nicht fertiges Werk konzentrieren. Obwohl U-
bzw. Abschiebehaft die schärfste Form des Eingesperrtseins darstellen,
machte man bei ihm eine Ausnahme. Sonst wäre der groß angekündigte
Eröffnungsfilm der 60. Berlinale auch ins Wasser gefallen. Am
gestrigen Sonntag beendete Roman in der Zelle die letzten Arbeiten für
Musik, Vertonung und Mischung. In dieser Woche wird der Film im
internen Kreis in Paris vorgeführt.
Die künstlerische Tätigkeit hinter Gittern im Bezirksgefängnis
Winterthur verlief, wie man sich vorstellen kann, sehr umständlich.
Sein Assistent pendelte ständig zwischen Paris und Zürich hin und her,
weil der Meister immer wieder etwas zu feilen hatte. Polanski ist
bekannt als Detail-Fetischist, was soweit gehen kann, dass auch noch
nachträglich Knöpfe an den Kostümen ausgewechselt werden müssen und
sogar einen Nachdreh nicht scheut.
Bis zuletzt standen Roman und Berlin unter Druck und die Produktion
war äußerst skeptisch, den Film termingerecht fertig zu stellen.
Glücklicherweise hatte Polanski den „Ghostwriter“, die
Lebensgeschichte des englischen Politikers Tony Blair, dargestellt von
Pierce Brosnan, vor seiner Verhaftung in Zürich zu Ende gedreht und
die Aufnahmen während drei Monaten in Berlin und auf Sylt fertig
geschnitten. „Wir haben alle gestaunt, wie Roman Polanski unter
diesen Bedingungen an seinem Film arbeiten konnte und der Termin
eingehalten wurde,“ sagte erleichtert Wolfgang Braun, Chef der
„Kinowelt“, die den neuen Streifen im Februar in die deutschen
Lichtspielhäuser bringt. International heißt das neue Polanski-Werk
„Ghost“, dessen Autor Robert Harris derzeit auf Vorlesetour ist.
Noch ist alles unklar, was Roman Polanskis Rechtslage in der Schweiz
betrifft, wo der seit 1970 ansässige Chalet-Besitzer wegen seines
Sex-Delikts vor über 30 Jahren nun schon 52 Tage inhaftiert ist.
Die internationale Filmszene sowie der französische und polnische
Staatschef kämpfen noch immer unaufhörlich um die Freilassung des
genialen Filmemachers. Das Schweizer Massenblatt „Blick“, das die“
Logiekosten“ in Höhe von 165 Franken für den prominenten „Knasti“
vorrechnete, attackiert die eidgenössische Justiz mit der Aussage:
„Wir schämen uns“.



