Mario Adorf, der Spaziergänger

MÜNCHEN – Durch Zufall wohnt Mario Adorf, bescheiden bis zum Geht nicht mehr, immer neben Triumphbögen. In Paris ist es der Arc de Triomphe, in München das schöne Siegestor.

Beim Place Etoile lebt er mit seiner leidenschaftlichen Ehefrau Monique in einer klassischen Pariser Altbauwohnung mit hohen Decken, in München ist es eine überschaubare Drei-Zimmer-Wohnung. An beiden Adressen wohnt er zur Miete. Auch in der Fortbewegung wählt er den einfachen Weg. Seine Autos, ein 15 Jahre altes VW-Golf-Cabriolet und ein Smart stauben in der Tiefgarage vor sich hin. Super-Mario, in allen seinen Rollen unvergleichlich, ob als Massenmörder Bruno in „Nachts, wenn der Teufel kam“ oder als Kolumnistenopfer Haffenloher in der Gesellschaftssatire „Kir Royal“, zieht öffentliche Verkehrsmittel vor. „Ich brauche kein Auto. Ich bin jetzt genau in zehn Minuten von Schwabing hier her gefahren,“ sagt der Weltstar, den ich gestern im Cafe des Stadtmuseums treffe. Am Abend liest Mario Adorf Liebesbriefe in dem kleinen Musentempel der Stadt. Die 45minütige Lesung aus dem kürzlich erschienen Band „Du mein liebes Stück Heimat – Briefe an Lotte Lieven aus dem Exil“ von Jahrhundert-Schauspieler Alexander Granach ist der Auftakt der gleichnamigen Retrospektive im Filmmuseum München, wo bis zum 3. Mai zum Teil noch nie in Deutschland gezeigte cineastische Leckerbissen des Darstellers Granach zu sehen sind. Adorf: „Ich bewundere diesen Mann. Er hat die schönste Autobiografie eines Schauspielers geschrieben, die ich kenne – ‚Da geht ein Mensch‘, die kurz nach Granachs Tod im Jahr 1945 erschien. Es ist ein Kultbuch.“

Auf dem Weg zum Viktualienmarkt, wo der große Mime ein Sträußchen Maiglöckchen für Monique kauft, erschallen von allen Seiten die Rufe „Mario, Mario.“ Ein paar ältere Damen schütteln ihm die Hand und sagen: „Wir gratulieren“. Adorf  fragt spitzbübisch: „Zu was?“ Er wird mit Jubel  überschüttet und nicht abgestraft wie Jürgen Klinsmann, dessen Abschieds-Fiasko Adorf in der Allianz-Arena miterlebt hat. „Ein grauenhaftes Spiel“, sagt er, der mittendrin im Publikum, also in keiner Ehrenloge, mit einer fußballversierten Münchner Freundin saß. „Wer – das sage ich Dir nicht“, meint er verschmitzt. Wir spazieren durch die Sendlinger Straße, wo Roby und Ralph Bash , zwei echte Männer mit Scherenhänden, ihren doppeletagigen Verschönerungssalon „Bash Club“ betreiben. Ladykiller Roby ist aus dem Häuschen, ein Traum seit 25 Jahren ist in Erfüllung gegangen. „Schön als kleiner Bub war ich ein Fan von Ihnen“, schwärmt er und beginnt Adorf die Haare zu schneiden. Es entsteht natürlich keine Stromschlagfrisur wie bei Schweini oder Olli. Der Hairstylst, dessen Arme ein Meer von Tattoos ziert,  legt sich ins Zeug für einen besonders edlen Schnitt. Mario Adorf ist  begeistert. Wieder auf der Straße, glänzen seine silbernen Haare und der  immer appetitlich wirkende Weltstar schaut prüfend in die spiegelnden Schaufensterscheiben. Im Vorbeigehen steckt er einem Bettler einen Fünf Euro-Schein zu. Als wir drei hübschen Girls im sündigen Mini begegnen, trällert er lautstark das Lied: „Schau einer Frau nicht so tief in die Augen.

Die meiste Zeit verbringt er in Paris und im Sommer in seinem Domizil in St. Tropez, wo er den Schicki-Micki-Stränden in hohem Bogen aus dem Weg geht. Auch den frequentierten Nikki-Beach meidet er: „Der ist mir zu laut und außerdem liegt das Teil nicht am Strand.“ Wir kommen auf einen seiner Nachbarn zu sprechen. Es ist Paul, einst der wildeste Hero von St. Tropez, der ganz still zu den Engeln gegangen ist. Der Restaurantbesitzer hatte in seinem Strandlokal „Voile Rouge“ die Gesichtskontrolle eingeführt und die kostenträchtige Unsitte erfand, das Spritzen mit teurem Champagner  – die russischen Badegäste fanden das ultra- cool.  Mario erinnert sich:  „Das Ende von Pauls Dolce Vita war mehr als traurig. Einmal wurde er zu Hause überfallen und die Gangster hielten die geladene Pistole in den Schoß seiner Lebensgefährtin. Sie waren bereit, abzudrücken, wenn er nicht den Tresor und die zwei anderen versteckten Geldschränke geöffnet hätte.“

Während er häufig Gunter Sachs, einen weiteren Nachbarn trifft, der in seiner Strandvilla die marokkanischen Zelte durch luftige Teehäuser ersetzte, sieht er Brigitte Bardot seit 20 Jahren nicht mehr. Er und Monique waren mit ihr einst dicke Freunde. BB lebt auch nicht mehr in der „Madraque“, ihrem Strandhaus, sondern auf dem Hügel „Capon“, zeigt sich aber nie.

Bevor Adorf in die U-Bahn steigt, will ich noch ein Wort über die aktuelle Krise von ihm erfahren. Statt einer Antwort schenkt er mir ein  vielsagendes Lächeln. Ein Urteil über Kanzlerin Angela Merkel oder ihren Vize Frank Walter Steinmeier kann ich ihm  auch nicht entlocken: „Da halte ich mich komplett raus.“  Sein Blick ist noch vielsagende

Zuletzt konnte ichtbeobachtetn, wie das Berliner Führungsduo bei Empfängen geradezu einen Schnellgang einlegte, um Mario Adorf nicht nur zu begrüßen, sondern auch zu umarmen. Er schmückt schon sehr.

Münchens Lager-Lord Victor Erdmann,  im edlen Freundeskreis „Peanuts“ genannt, lange Zeit bevor Deutsche Bank-Krösus Hilmar Kopper den Begriff für Kleingeld verwendete, feierte mit Pauken und Trompeten seinen runden Geburstag. Weil „Pini“ noch so gut aussieht, wollen wir sein Alter, wie bei einer eleganten Dame, verschweigen. Er hatte nur Herren auf den kleinen Bierhügel des „Augustinerkellers“ eingeladen. Einziges weibliches Wesen war seine Ehefrau Sandra. Er verwöhnte Fabrikant Jochen Holy, Großverleger Prof. Hubert Burda, Sportfabrikant Willy Bogner, Augustiner-Eminenz Ferdinand Schmid, Inneinrichter Heino Stamm, Prinz Poldi von Bayern, Wiesn-Wirt Sepp Krätz, Ex-Staatssekretär Hans Spitzner und den sagenumwobenen Verehrer der schwedischen Königsschwester Dietrich Maus mit einer zünftigen Brotzeit und reichlich Bier. Pini’s Stimme hörte sich  am nächsten Tag um 15 Uhr immer noch ziemlich belegt an

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