Münchens Ski-Vorstadt im Boom. Wer, wo, wann und mit wem die gesunde Tiroler Luft schnuppert.
KITZBÜHEL – Als ich das dritte Mal hinfalle, schnalle ich meine todschicken “Völkl”, gelb-schwarzer Tigerlook von Stardesigner Heinz Schwaiger, einst bei „Sport Scheck“wieder ab und fahre ins Tal – mit der Bahn. Ich sitze mutterseelenallein in dem roten Abteil, denn niemand außer mir bewegt sich auf diese Weise den Hahnenkamm runter. Vor der Talstation beende ich mein tolldreistes Wintersport-Comeback nach 15 brettlfreien Jahren und verschenke die zwei „Tiger“.
Die waagrechte Piste liegt mir ohnehin besser. Ich gehe ins “Stamperl”, bestelle das Hausgetränk und warte bis die Bogners, Hartungs, Lindmeyers und Schecks vorbei kommen, die den Hahnenkamm rund zwanzig Mal gemeistert haben. Das Wort Apres -Ski reizt mich ohnehin am meisten an dieser Spielart, die größtenteils nur dazu dient, über die Brettln in die Betten zu kommen. Als beruflicher Späher ist der Jagdgrund so bequem wie keiner. Was Sylt im Sommer für die Hamburger, ist Kitz für die Münchner im Winter. Zur Weihnachtszeit und im Januar ist es praktisch sinnlos, auf den weißblauen Tummelplätzen in der City oder nächtlichen Tankstellen, „P1“ oder „Sugar“ nach Personen und Persönchen zu fahnden, die eine Geschichte wert sind. Stammtischweise sind sie um diese Zeit nach Kitz ausgesiedelt. Früher, als Franz Beckenbauer und sein Manager Robert Schwan nur eine Wohnung hatten, war es zugegeben gemütlicher. Es gab noch keine Lichtgirlanden_Orgien, Kitzbühel leuchtete von innen. Doch bei aller gesellschaftlichen Umwandlung hat sich die Münchner Ski-Vorstadt ihren Lebkuchen-Charme erhalten. Nicht so stinkfein wie St. Moritz und nicht so versaut wie Ischgl, hat Kitz einen ganz anderen Kick.
Die Kolonien mit Bewohnern von Desperate Housewives wuchsen schnell und die Ladies warteten im kalten Weiß, wenn es wirklich mal geschneit hatte, auf ihre angetrauten Top-Manager, Warenhausbesitzer und Banker, die während der Woche an ihre Schreibtische oder zu sonst was zurückkehren. Solche Fünf-Tage-Trennungen können für beide Seiten ungesund sein, sind aber in St. Moritz, Ischgl, Klosters oder Lech wegen der schlechten Verkehrsanbindung schwerer zu bewältigen. Außer man zählt zur Upper Class, der Heli und Jet so selbstverständlich zur Verfügung stehen wie mir mein alter Benz.
Die Tiroler Winteroase Kitzbühel gibt sich vermehrt städtisch, was das Nightlife beflügelt. Gesellschaftliches Weltniveau schmückt den Ort, wohin sich früher mal auch Herzchirurg Christian Barnard oder Ex-Kaiserin Soraya verlaufen hatte, seit ein Ingolstädter Autokonzern still und stetig Hand anlegte. Nach siebenjähriger Orts-Massage erhob er die Hahnenkamm-Woche zu einem Welt-Event. Anfangs staunten Toni Sailer und Franz Klammer über die Veränderung in ihrem Reich. Der einstige Herd-Hamlet Hasi Unterberger sah sich bedroht, Hightech und Haute Cuisine von auswärts bildeten die Rahmenhandlung für die perfekten Feste, bei denen sich die Gästeliste von Jahr zu Jahr immer internationaler las. Die Society-Unart, die Eingeladenen mit Bändchen als Wiedererkennungs-Merkmal wie bei der Taubenzählung abzustempeln, nahm ihren Einzug. Manchmal war es auch ein Sesam öffne Dich für jemanden, der nicht auf der Liste stand , wenn sich zwei Leute, wie Hemdenkönig Otto Kern und eine Produzenten-Ehefrau ein Bändchen teilten. Franz Beckenbauer war plötzlich nicht mehr die alleinige (Blitz-) Lichtgestalt. Der Ballguru dosiert geschickt seine Auftritte und beim Heimspiel in Kitz lässt er sich ohnehin selten sehen und es grenzte schon an Übertreibung, als er einmal in einer Kutsche mit neuer Freundin durch Going fuhr, obwohl er noch an das standesamtliche Gelübde mit Sybille gebunden war. Seine frühere Wohnung hat er längst verlassen wie auch ein paar gebrochene Herzen und zog in eine Gegend, wo an allen Ecken und Enden der Kaiser präsent ist: der Wilde Kaiser, die Kaiserwiese, der Kaiserweg. Der Kaiser himself, Franz Beckenbauer, nennt dort einen zum Sterben schönen Bauernhof sein Eigen. Lediglich beim Ausblick muss er einen Schönheitsfehler verkraften. In greifbarer Nähe qualmen zwei Fabrikschlote. Aber die sieht er schon nicht mehr. Franz zieht sich gern in dieses Schmuckkästchen zurück, um über das Leben nachzudenken. Er muss auch nicht mehr über die vielen Spielsachen seiner Kinder Joel Maximilian und Francesca steigen, weil er sich in Salzburg eine Zweitvilla gebaut hat, wo seine Familie lebt. Der Globalplayer bewegt sich inzwischen mit dem Hubschrauber so wie andere mit dem Taxi. Der Salzburger Flughafen liegt praktisch für seine Stammstrecke zum Fifa-Ort Zürich, wo er bei Sepp Blatter tagt oder auch mal in der Kronenhalle lehrt. Fernseh-Moderatorinnen, die sich in die Männer-Domäne Fußball vorgewagt haben, schätzen dankbar seine weit gefächerte Fachkenntnis.
Manches Mitglied der Spaßgesellschaft ist in den “Kitz-Race“-Nächten von „Audi“, die jetzt wieder bevorstehen, mit vollem Körpereinsatz zu Gange. So nächtigte die gertenschlanke Modegiraffe Nadja Auermann in der “Tenne”, ohne richtig zu übernachten. So lange dauerte ihr Tanzpisten-Einsatz. Stundenlang und zeitweise mit geschlossenen Augen bewegte sie sich weltentrückt. Sie hätte leicht bei Fruchtbarkeitstänzen von Aborigines mitmachen können. Formel 1-Pilot David Coulthard vollführte, erstaunlich unbeachtet, ebenfalls Liebestänze mit der belgischen Fernseh-Reporterin Karin Minier und signalisierte dem Insider, dass er sein Model ausgewechselt hat. George Harrisons Sohn Dhani zeigte sich auch Simone Abdelnouh an Coulthards neuer Beute interessiert, aber da blieb ihm der Schnabel sauber. Zu guter letzt durfte er eine Charme-Kostprobe von Thomas Gottschalk mit nach Hause nehmen. Der “Wetten dass”-Gastgeber ließ ihn über das Mikrophon wissen: “Deine Musik ist gut, Dein Hemd scheußlich.”
An der Bar im Hotel “Weisses Rössl” treffe ich einmal Grand Prix-Guru Bernie Ecclestone und wir lästern über das grüne Kitz zu Weihnachten. Eifersüchtig nach St. Moritz schielend, haben wir gerade erfahren, dass es dort Schnee in Hülle und Fülle gibt, postkartenblauen Himmel inklusive. Der Dialog erinnert an die Regen-Diskusionen von Sylt. In diesem Jahr hat der kleine große Mann seinen Trip nach Kitzbühel in Frage gestellt, weil ihn andere Sorgen plagen. Dem schlauen, milliardenschweren Fuchs ist gerade seine Frau Slavica abhanden gekommen, die ihn um zwei Köpfe überragt. Ein Rosenkrieg dürfte sich insofern schmerzhaft gestalten, nachdem vor vielen Jahren fast das ganze Vermögen seiner leidenschaftlichen Ehefrau überschrieben hatte. Sie sollte sich mal einen neuen Hut kaufen können, kommentierte er die Milliarden-Transaktion. Zufall oder nicht? Der ehemalige Aktien-Artist Thomas Haffa und Ex-Geschäftspartner von Ecclestone lief am Hotel vorbei. Er ist inzwischen glanzvoller Kitzbühel-Anwohner und hat seine Philosophie in Sachen schöner wohnen kontrastreich gesteigert. Neben seinem 20 Millionen-Bauernhaus errichtete er ein äußerst elegantes Hightech-Gebäude, in dem alles Zeitvertreibende zu finden ist, was im Spielzimmer für Erwachsene vorhanden sein sollte – vom Kino bis zur Popcorn-Maschine. Um autark gegen Kälte und Schnee von Haus zu Haus zu pendeln, ließ er die beiden Wohneinheiten mit einem Tunnel verbinden. Es dürfte der einzige unterirdische Gang auf privatem Kitzbüheler Playground sein. Für eine zweistellige Millionensumme trennte sich Haffa von seiner Villa im Münchner Herzogpark und legte sich im Boardingtrakt des Hotels “The Charles” ein traumhaftes Penthouse zu.
Zu den neuen Einwohnern derTiroler Idylle zählt Prinzessin Elisabeth von Auersperg, eine der Goldtöchter des vor zwei Jahren verstorbenen Konzernherrn Dr. Friedrich Karl Flick aus der Ehe mit Frau Ursula. Zum Testen mietete die quirlige Blondine zunächst das Haus von Sängerin Vicky Leandros, will sich aber nach einer eigenen Bleibe umsehen. Seit ist adelig ist, zeigt sich die blonde Jung-Milliardärin erstaunlich zahm, während sich Schwesterherz Alexandra Flick die schon längst Hausbesitzerin in Kitz ist, als süßer Man-Eater entpuppt. Bei Kristall-Erbin Fiona Swarovski, die ich vor ein paar Tagen mit ihrem Baby im Arm vor ihrem herrlichen “Moserhof” sah, habe ich das Gefühl, dass sie Kitzbühel untreu wird und Wien den Vorzug gibt. Man wird zu Weihnachten auf ihre kleine Disney-Welt mit meterlangen Lichterketten verzichten müssen.
Als gesellschaftliches Epizentrum gilt Rosi’s Nobelscheune auf der “Bichlalm”, die sogar mal Prinz Ernst August und seine Frau Prinzessin Caroline für eine Party mieteten. Auf den Tischen lagen – eine witzige Idee – Wegwerf-Fotoapparate bereit und jeder konnte jeden fotografieren. Ich habe mir gleich drei durchfotografierte Kameras gesichert. Auf der “Bichlalm” lebt auch Hansi Hinterseer, früher als Skiheld verehrt und heute als alpenländischer Musik-Messias vergöttert. Der blonde Engel der unumstrittene Liebling der weiblichen Volkslied-Anhänger. Sie folgen ihm auf Bergwanderungen in Scharen wie dem Rattenfänger von Hameln. Man zählte bei so einem Ausflug schon 8000 Anhänger des Beinahe-Christus von Kitz. Er lebt mit seiner Familie, Ehefrau Romana, bei der er aufs Wort hört und seine schönen Töchtern in einem 400 Quadratmeter-Holzhaus, das mit automatischen Rolläden ausgestattet ist. Innen und außen ist alles geschnitzt, was es zu schnitzen gibt. Die Hinterseers genießen bei den Hahnenkamm-Partys Sonderstatus. Der Wiener Meister-Caterer Attila Dogudan, der seine Kunst am Herd weltweit vermarktet und auch die Formel 1 mit Küche und Keller verwöhnt, lässt es sich bei Hansi nicht nehmen, persönlich einzugreifen. In diesen illustren Festszenen lassen modische Highlights nicht lange auf sich warten. Immobilien-Freiherr Detlev von Wangenheim, bisweilen Gastgeber der Monegassen in seinem Haus in Jochberg, tunte seine Lodenjacke mit Zobelkragen und wählte als Kopfbedeckung einen Original-Cowboyhut. Ein Münchner Anwalt agierte als lebendes Inserat und erschien mit schwarzer Pilotenjacke, auf der in Riesenlettern sein Name samt Promotion zu lesen stand. Dieser ganz persönliche Marketing-Einsatz ging unter angesichts von Gästen wie Reifen-Primus Edoard Michelin, Fernseh-Kommentator Niki Lauda, adidas-Lenker Herbert Hainer, die schöne Cashmere-Königin, Gräfin Barbara Metternich und Red Bull-Tycoon Dietrich Mateschitz. Es durfte auch Europas bekanntester Schönheits-Chirurg Prof. Dr. Werner Mang nicht fehlen, der den Auftrieb bei solchen Partys mit anderen Augen sieht. Er musterte kritisch die anwesenden Körperwelten und ließ so manchen Kommentar los über die mit innovativer Hausmedizin Botox behandelten Damengesichter.
Neben dem roten Teppich, der Münchner Pendelbürgern ausgerollt wird, gliedert sich vermehrt ein Ausläufer von Moskaus Rotem Platz ins Geschehen ein – in Person von Frau Bürgermeister. Die First Lady von Moskau, Jelena Baturina, versteht den 8000-Seelen-Ort bereits als ihre zweite Heimat. Obwohl die Ehefrau von Bürgermeister Juri Luschkow, Intimfreund von Wladimir Putin, von denTiroler Behörden nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst wird, ist sie bei Einheimischen und Gästen geschätzt. Genau wie damals die Bardot in St. Tropez. Sie setzt natürlich andere Mittel ein, um den Kitzbühel-Kitzel zu toppen. Stevie Wonder hieß ihr erster Star-Gast und gerade hatte sie ein paar handverlesene Freunde wie Industrie-First-Lady Maria-Elisabeth Schaeffler, Wein-Guru Hardy Rodenstock und Feinkost-Doyen Gerd Käfer (mit Freundin, aber ohne ihre Möpse, was den Tierschutz-Verein sicher freute) zur russischen Weihnacht eingeladen. Die Moskauer Baulöwin konnte trotz aller Schnell-Beliebtheit bisher ihre Mietvilla in Kochau nicht kaufen, machte aber bereits 40 Millionen Euro locker für ihr Immobilien-Projekt beim Golfplatz Eichenheim in Aurach. Dort sah ich noch vor kurzem Boris Becker in einem Mercedes mit ostdeutschem Kennzeichen vorfahren. Dabei war seine inzwischen verflossene Freundin Sandy Meyer-Wölden, die völlig ungeschminkt das Grün betrat und fast hätte man sie fast nicht erkannt. Diese Art von Tarnung erspart die Sonnenbrille.
Seit Jelena und ihr Ehemann, denen viel Putin-Protein nachgesagt wird, in der Tiroler Wintersport-Oase den Rubel in Form von Dollars rollen lassen, setzen sie Zeichen mit turbulenten Festen, und Kitz, das in der späten Bronze-Zeit besiedelt wurde, weil man dort Kupfer-Erz schürfen konnte, spürt deutlich das neue Geld. Großen Eindruck schindete die neue Kitzbühler Zarin mit einer Party, wo eine private Spielbank als abendliche Attraktion lockte. Jeder ihrer Gäste erhielt zum Einstand Chips im Wert von 1000 Euro und wer gewann, dem wurde das Geld auch ausbezahlt. Trotz der Vitamin-B-Spritze von Madame Baturina ist es auch anderen Russen noch nicht gelungen, in Scharen Fuß zu fassen wie es in St. Moritz der Fall ist. Die österreichische Alpen-Republick macht für Zugereiste aus aller Welt den Hauskauf nicht gerade einfach.
Daß die Einheimischen mit den spendierfreudigen Russen noch nicht ein Herz und eine Seele sind, hängt hauptsächlich mit der Sprachbarriere zusammen. Vieler Worte bedarf es aber nicht, wenn Jelina das Feudal-Fast-Food Kaviar auffahren läßt. Dabei fällt auf, daß die nach weißem Trüffel zweitteuerste Delikatesse bei Baturinas Landsleuten als Selbstverständlichkeit hingenommen wird, wie die Weißwurst in München. Sie greifen eher gelangweilt zu, nach der Devise, wir naschen daran, weil es ihn gibt. Die deutschsprachigen Gäste dagegen schaufeln die „Brombeermarmelade“ so rein als wäre es das Last Supper. Jelinas vornehmes 5-Sterne-Hotel „Grand Tirolia“ mit weltstädtischen Spa-Bereich wird übrigens noch in diesem Jahr eröffnet.
An diesem Wochenende startet mit dem “Hypo Liechtensteiner Polo World Cup“ die diesjährige heiße Phase von Kitzbühels Snow-Show und eine Woche später stehen die „Hahnenkamm“-Tage im Focus des Weltgeschehens.




lieber Michael,
durch Zufall bin ich auf Deine Webseite gestoßen…oder war es Vorsehung? Es ist für mich so erfrischend endlich wiedermal Artikel zu lesen, welche auch zwischen den Zeilen so viele intelligente und humorvolle Information verbergen.Hier in Berlin gibt es leider nichts vergleichbares.
Herzliche Grüße
Gernot (Bruder von Detlev) und Heike
Kiltzbühel ist ein geiler Ort, der bekannte Personen anlockt. Auch gerade dort zu sein muss wierklich ein Erlebnis sein.