Herbert von Karajan – der Überflieger

von_karajan_profilVor 20 Jahren starb der größte Dirigent aller Zeiten an einem Herzinfarkt in Salzburg und wurde so schnell wie keiner begraben.

SALZBURG – An Karajan kam keiner ran. Heribert, wie der Maestro laut Geburtsschein mit Vornamen heißt, war der Größte. Heute vor 20 Jahren, am 16. Juli 1989, starb der Meisterdirigent in seinem Haus in Anif an einem Herzinfarkt nach einer Besprechung mit Sony-Chef Norio Ogha. Am Vormittag hatte Herbert von Karajan, Sohn eines Salzburger Chirurgen, noch eine Probe zu „Un ballo in maschera“ geleitet. Gleich anderntags wurde er auf dem Ortsfriedhof begraben. Gemäß seiner Verfügung, ohne Benachrichtigung der Nachwelt.

Karajan dürfte somit von allen prominenten Toten derjenige gewesen sein, der am schnellsten unter die Erde kam. Obwohl in Österreich laut Gesetz der Leichnam mindestens 35 Stunden aufgebahrt sein muss, wurde der Maestro in einer Nacht- und Nebelaktion bereits nach 12 Stunden beerdigt. Ein Salzburger Totengräber sagte mir: „Mir ham’s gemacht, weil der dreifache Stundenlohn gezahlt worden ist.“ Grande Dame Eliette von Karajan, seine dritte und schickste Ehefrau, ließ ihren Mann für die Öffentlichkeit steuerfreundlich sterben. Um dem Fiskus gleich deutlich zu machen, wo der Nachlass des großen Meisters verrechnet werden soll, gab sie in der „Neuen Züricher Zeitung“ eine Todesanzeige mit dem Text auf: „Der in Salzburg geborene Maestro ist im Ausland gestorben.“ Mit dem Inserat sollte wohl der Steuervorteil der Schweiz untermauert werden. 15 Prozent verlangt der österreichische Fiskus, die Behörden im schweizerischen Graubünden, Karajans erstem Wohnsitz, geben sich mit vier Prozent zufrieden. Bei einem Vermögen von 300 Millionen Euro spielt die Geographie schon eine Rolle. Die luxuriösen Karajan-Wohnsitze liegen in Anif bei Salzburg, St. Moritz und St. Tropez.

Ob im Frack, den er später kühn mit Rolli kombinierte, oder in Jeans – der charismatische Herbert von Karajan machte überall eine gute Figur und stach durch eine Eleganz hervor, die andere Stabführer wie Böhm und Furtwängler mit ihrem bürgerlich klassischen Auftrittsbild in den Schatten stellte. Er und seine Vollblut-Ehefrau Eliette waren damals schon so lifestylisch, dass sie David Beckham und Victoria wie arme Kirchenmäuse hätten aussehen lassen. Bei den Osterfestspielen 1977 trug Eliette ein Rubin-Jet, Collier, Ohrgehänge und Ringe, im Wert von 750 000 Mark. Er selbst gab viel Taschengeld für seine Mobilität aus. Er kaufte sich neben schnellen Flitzern auch einen VW-Bus, den er mit einem frisierten Porsche-Motor ausrüstete und legte sich einen Learjet für 4 Millionen Mark zu..

Karajan segelte schnell, sehr schnell mit einer Maxi-Rennyacht, Karajan fuhr schnell, sehr schnell mit Porsche 959 (einen zerlegte er) und Mercedes-Flügeltürer und Karajan raste , wie kein anderer Skifahrer die Pisten von St. Moritz hinunter. Als mich mal Medien-Mogul Dr. Leo Kirch an Bord seines Jets Falcon 20 einlud und mich abmahnte, nie wieder über Kirch als den “Howard Hughes of Munich” zu schreiben, gab es eine große Überraschung bei dem Flug. Die Maschine, die nach Cannes fliegen sollte, landete plötzlich in Salzburg zwischen. Es kam der fröhlich gelaunte Maestro Herbert von Karajan an Bord. Nicht etwa als mitreisender Passagier, sondern als Pilot. Der Flughafen von Cannes, ist wegen seiner kurzen Piste und der großen Vogelwelt nur etwas für Könner. Wir landeten nach 50 Minuten heil und butterweich. Wenn er flog, vergaß er sogar die Berliner Philharmoniker. Oder auch die Wiener. Diszipliniert wie in der Luft war der Stabführer auch im täglichen Leben: Tagsüber keinen Tropfen Alkohol, keine Zigaretten. Er rauchte erst beim Abendessen – vorher eine Zigarette, hinterher eine Zigarette.

Einmal hatte er großes Glück beim Fliegen und es wäre beinahe zu einer großen Katastrophe gekommen. Er wollte mit einer Mystere 20 von Salzburg nach Luzern fliegen , als in 10 000 Meter Höhe ein Bordfenster platzte. Im Sturzflug ging Karajan auf niederen Kurs und konnte die Maschine auf dem Züricher Flughafen Kloten sicher aufsetzen. Solche Erlebnisse bekam der Münchner Meisterfotograf Emil Perauer hautnah mit, der 25 Jahre lang im Kielwasser Karajans war und zum Hofstaat des Dirigenten gehörte. Er schoss von Herbert rund 20.000 Dias und machte etliche Fotobücher. Kennen gelernt hat ihn Karajan im Hafen von St. Tropez als Emil auf der Yacht von Baron Guy de Rothschild Hausgast war, wo er an Deck Gastro-Psychologie praktizierte. Karajan sprach ihn vom Nachbarschiff an: „Bist Du der Tiroler auf dem Franzosenboot?“ Ab dann war Emil immer dabei.


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