Friseure der deutschen Nebengesellschaft

Die Haare stehen einem zu Berge, wenn man das merkwürdige Schaffen eines Münchner Friseur-Teams im Fernsehen sieht. Blindes Haarschneiden gehört dort zur Qualifiktion und garantiert eine Verdummung der Zunft. Die Elite der Hairstylisten ist geschlossen verärgert.

MÜNCHEN – Als der Guru der internationalen Haarschneidekunst, Haute Coiffeur Alexandre letztes Jahr in Paris starb, erschien kein Sterbenswörtchen über Louis-Alexandre Raimon, wie er bürgerlich hieß, in den deutschen Blättern. Darüber war Gerhard Meir, viele Jahre der Figaro Nummer eins in Deutschland, traurig, denn Alexandre war sein Idol. Der Franzose verschönte Grande Dames wie Farah Diba oder Grace Kelly.

Der Münchner Meir, die Hamburger Kollegin Marlies Möller (ganz groß mit Produkten in Zürichs Parfümerieabteilungen) sowie der bärenhafte Udo Walz in Berlin waren Alexandres angesagte Nachfolger in Germany und brachten in der Bundesrepublik das Haarspaltergewerbe in bisher unbekannte Höhen seiner Handwerkskunst. Sie lösten regelrecht ein neues Qualitäts- und Mode-Bewußtstein aus, viele Jung-Figaros eiferten ihnen nach. Eine ganze Welle wurde ausgelöst.. Die Häupter, die sich dem konkurrierenden Trio Gerhard-Marlies-Udo anvertrauten, waren erste Klasse. Von Fürstin Gloria von Thurn und Taxis über Jil Sander und Bismarcks bis zu Kanzlerin Angela Merkel. Die verrückten Turmfrisuren von Bayerns Queen in Regensburg sind unvergesslich. Doch leider ist die PR-trächtige Niveauarbeit der drei Haar-Künstler Meir (arbeitet nur mehr in seinem Münchner Salon mit eigenem Lokal), Möller (verheiratet mit einem verständnisvollen Herrn) und Walz (mit einem Mann aus der Lichthaus-Branche verehelicht,) eklatant vergiftet worden. Waschen, Färben, Föhnen, Legen kann man eben so oder so machen. Die Elite der Menschen mit den Scherenhänden probt den Aufstand.

Dass auch die deutsche Nebengesellschaft wie Feldbusch u nd Co. zum Haareschneiden gehen muss, hat ein Team von Friseuren in München schnell herausgefunden und ruckzuck die Nische belegt. Am besten geht es durch den Treibstoff bargeldlosen Verkehrs. Blonde Öffentlichkeitsarbeiterinnen, die auf dem roten Teppich mit Leihkleid und Leihschmuck auch noch den Hairstylisten verraten, bekommen galant den Haustarif und müssen sich nicht die Mühe machen, ihr Handtäschchen zu öffnen. Es war nur eine Frage der Zeit, dass diese Haarschneidertruppe ins Fernsehen rückte mit einem “Dschungelcamp für Friseure”, was das Tiefparterre eines privaten Senders noch toppte. Seither stehen dem gesamtdeutschen Friseurverband die Haare zu Berge. Unmut macht der Zunft die dümmliche Darstellung ihres Gewerbes . Um wöchentlich den besten Hairstylisten zu finden, müssen die Kandidaten zum Beispiel in den Sendefolgen ihre Fertigkeit im Haareschneiden mit verbunden Augen a la blinde Kuh unter Beweis stellen. Präsentiert sind die Shows wie eine Dorf-Version von Heidi Klums next Supermodel.

“Unser Handwerk, und wir sprechen noch immer vom goldenen Handwerk, wird mit solchen Shows lächerlich gemacht. Das ist der pure Verfall und dass sich ein Sender für sowas hergibt, ein Skandal”, ereifert sich Gerhard Meir, der für sich in Anspruch nehmen kann, viel für das Standing in der deutschen Frisör-Szene beigetragen zu haben. Diese Art Sendungen machen jeden Profi wütend. Dankend hat es Meir, der mit Kollege Peter Safarik (Salon “Gedeon” im Sheraton) in einer edlen Wohnung mit Garten in Bogenhausen zusammenlebt, abgelehnt, als man bei ihm nachfragte, bei der Sendung mit zu machen.

Haarige Dekadenz steigerten die TV-Friseure, gesteuert von einem sanften Herrn, der noch nie beim Haarschneiden gesichtet wurde, an ihrem Münchner Schnittplatz, dessen Denkmalschutz-Fassade an den Haaren herbeigezogene Plastik-Jungfrauen zieren.. Auffallen um jeden Preis heißt es dort und die Cut-Crew, die mal komplett shamponiert gehört, präsentierte zur letzten Wies’n, wie im hauseigenen Hochglanz-Heft verewigt, neckische Elchfrisuren mit Edelweiß als Letzten-Schrei-Tipp für schöne und reiche Damen. Die Geweihe im Haar waren zum Umfallen komisch. Ein Elchtest ist sicher nicht vorgenommen worden.

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